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„Fahren Sie nach Jaroslavl, um Russland zu verstehen!“

Waren Sie schon mal in einer Stadt, in der es keine Menschen gibt? Im Sekundentakt verschlingt die Metro Menschen. Jeder in Moskaus Zentrum ist ein Rädchen im Getriebe. Alles verläuft nach einem unsichtbaren Plan. Hinter Fahrkartenschaltern und an den Eingängen steht Personal in Uniform. Diese Männer und Frauen halten die Maschinerie am laufen. Hektisch schiebt sich die Menge durch die prachtvollen Bauwerke unter der Erde. Kronleuchter, Marmorgänge und Mosaikbilder stammen noch aus der Zarenzeit. Die einfahrende U-Bahn durchbricht die Stille. Die Züge sind marode, wirken fehl am Platz. Sie sind Zeuge einer anderen Epoche. Plötzlich schließen sich die Zugtüren. Wer mitfahren darf, entscheidet der Fahrplan. Wir steigen ein, das Ziel ist das Moskau-Studio der ARD.

Der Eingang befindet sich in einem Hinterhof, ein Wachposten steht vor dem Gebäude. Im elften Stock erwartet uns Ina Ruck. Sie leitet das Studio. Seit zwölf Jahren arbeitet Ruck in Moskau. Jetzt hat sie einen Moment Zeit für eine deutsche Schülergruppe. Was typische russisch ist, kann sie nicht sagen. Zu lange lebt sie in Russland, möchte den Blick der Schüler nicht einengen. Um Russland zu verstehen, rät sie zu einer Reise in die Provinz.

Unsere Reise soll 4-5 Stunden dauern, Abfahrt ist 15.00 Uhr. Jedoch stecken wir allein zwei davon im Verkehr von Moskaus Innenstadt fest. Unseren Zwischenstopp in Jaroslawl erreichen wir nach ca. 4 weiteren Stunden. Dazu kommen Einkäufe und Essenpausen, die uns noch eine Stunde rauben. Der Endspurt beginnt um 22.30 Uhr. Voller Enthusiasmus, die letzten Kilometer hinter uns zu bringen, werden wir in Sekundenschnelle auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Eine halbe Stunde nach der Abfahrt in Jaroslawl hört die Infrastruktur auf und unsere Reise erreicht ihren Höhepunkt. Plötzlich fängt der ganze Bus an zu wackeln und wir wissen nicht, was mit uns geschieht. Schnell wird uns bewusst, dass es ab jetzt nur noch über Feldwege weiter geht. Die Orientierung fällt hier auch dem Busfahrer schwer. Mehrmals müssen wir wieder umdrehen. Kurz nach Mitternacht erreichen wir schließlich unser Ziel fern jeder Zivilisation: Sachareg - ein Sanatorium der russischen Bahn, das auch für Jugendcamps zur Verfügung steht. Die Leute sind freundlich und wir werden nett empfangen. Mitten in der Nacht realisieren wir somit den ersten Kontrast zu Moskau. Gleich am nächsten Morgen kommen unsere russischen Kollegen an, mit denen wir uns von Anfang an gut verstehen. Am vierten Tag unserer Russlandreise besuchen wir die Kleinstadt Nerehta, in der wir in Kleingruppen beginnen, Interviews zu führen. Wir treffen sehr offene und freundliche Menschen, die uns gerne über ihr Leben berichten. Im Gegensatz zu Moskau haben wir das Gefühl, willkommen zu sein. Wir erfahren, dass die Stadt in der Zeit stehen geblieben ist und heute einem Museum gleicht. Durch die Interviews erfahren wir, dass viele Leute für sich in dieser Stadt keine Zukunft sehen. Die jungen Menschen wünschen sich, in eine große Stadt zu ziehen, um sich einen besseren Lebensstandard leisten zu können. Viele alte Leute erzählen, dass die Stadt einmal sehr reich war, jetzt das Gegenteil der Fall sei. Mit vielen neuen Eindrücken fahren wir zurück zu unserer Unterkunft. Unser drittes Ziel ist Yaroslawl, deutlich größer als Nerehta, das keinen Vergleich mit Moskau standhält. Das „Großstadtfeeling“ steigt wieder auf: viele Menschen, Hektik, Lärm, Anonymität? Wir werden schnell eines Besseren belehrt, denn die Menschen lassen sich auf unser Interview ein und antworten uns gerne. Eine Frau erzählt uns, dass es eine sehr perspektivreiche Stadt ist und sie gerne hier lebt. Einerseits sind Löhne in Moskau höher als in Jaroslawl, andererseits ist das Leben in Jaroslawl billiger als in Moskau. Aus diesem Grund zieht es viele Menschen hierher. Dank der Interviews können wir die Kultur von einem anderen Blickwinkel sehen. Die zunächst abweisenden Gesichter wurden schnell zu lächelnden. Sie widerlegen den ersten Eindruck, dass Russen auf der Straße nicht lachen können. Letztlich stellt sich die Frage, in welcher dieser drei unterschiedlichen Städte „man“ am liebsten leben möchte.

Lena, Nicole