Neuigkeiten
Die „große Politik“ wird nichts ändern - über Berufe und Berufsaussichten in Jaroslavl
von Franz Zoth
Olga Alexejeva Dumceva (40) steht jeden Sonntag auf dem Bahnhofsvorplatz in Nerehta und verkauft Kunstblumen und allerlei Trauergebinde, die hier viele Menschen als Grabschmuck schätzen. Einmal in der Woche fährt sie mit dem Zug nach Moskau, um neue Ware einzukaufen. Die Zugfahrt dauert etwa 5 Stunden. Die Geschäfte gehen gut, mit ihrer Situation ist sie im Großen und Ganzen zufrieden. Sie kann sich die Zeit frei einteilen: „Ich kann machen, was ich will. Ich habe keinen Mann und keine Familie, deshalb bin ich flexibel und verkaufe gelegentlich auch Kleidung, z.B. Jeans“. Die Politik von Gorbatschow bewertet sie positiv. Ohne „Glasnost“ und „Perestroika“ hätte sie ihre Tätigkeit nicht ausüben können. Trotz dieser Wertschätzung für den ehemaligen russischen Präsidenten bezeichnet sie sich als unpolitischen Menschen. An den im nächsten März stattfindenden Wahlen werde sie nicht teilnehmen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die „große Politik“ an ihren Lebensverhältnissen etwas ändern kann.
Darya Izotova (18) hat 2009 die Schule abgeschlossen und studiert Englisch, Französisch und Spanisch. Über ihre Berufsvorstellungen ist sie sich noch nicht ganz im Klaren. Sie kann sich vorstellen, als Übersetzerin zu arbeiten oder als Lehrerin. Vom Radio- Medienprojekt hat sie von einer Netzwerk-Freundin gehört und anschließend selbst im Internet recherchiert. Sie fand es anregend und kreativ, so dass sie sich angemeldet hat. Mit der Teilnahme möchte sie ihr Englisch verbessern und mehr über Ausländer erfahren, über ihre Kultur und Gewohnheiten, um Stereotype abzubauen. Ihre Eltern arbeiten beide im medizinischen Bereich, leben aber getrennt.
Darya Malewa (17) ist Schülerin. Von ihrer Wohnung fährt sie täglich 15 Minuten mit dem Bus zur Schule Nr. 4 ins Zentrum von Jaroslavl. Ihre Lieblingsfächer sind die Fremdsprachen Englisch und Deutsch. Sie nimmt am Projekt teil, um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und Kontakte aufzubauen. Wenn eine Reise nach Deutschland stattfindet, wäre sie gerne dabei. In ihrer Freizeit besucht sie eine Musikschule und übt Klassische Gitarre. Da sie gerne schreibt, möchte sie gerne Journalistin werden und im TV- oder Online-Bereich tätig sein. Ihre Eltern arbeiten beide im Theater. Ihre Mutter kümmert sich um die Kostüme der Schauspieler, der Vater um die Autos, denn in Jaroslavl werden die Artisten zu Proben und Aufführungen chauffiert, d.h. abgeholt und auch nach Hause gebracht.
Andrey Lygin (17) ist Schüler der Schule Nr. 1 in Jaroslavl. Er wohnt in der Nähe des Bahnhofs und benötigt zur Schule nur 10 Minuten. Er interessiert sich besonders für Naturwissenschaften, in seiner Freizeit aber besonders für musische Fächer wie Musik und Kunst. Vom Radio-Projekt hat er durch eine E-Mail eines Freundes erfahren. Als sein Hauptmotiv nennt er die Verbesserung seiner Englisch-Kenntnisse und damit seiner Examensnoten. Wichtig ist ihm ebenso, neue Freundschaften zu schließen und an einer Reise nach Deutschland teilnehmen zu können. Sein Vater ist als Computerfachmann bei der russischen Eisenbahngesellschaft „Northern Rail“ beschäftigt, seine Mutter ist Apothekerin.